Was ist bloss los mit den Brise-One-Touch-Dispensern? Damit wir alle über dasselbe meckern: Ich meine die 0815-pffft-Dinger, die man mit einem kleinen, mitgelieferten Stück doppelseitigen Klebebandes an die Wand peppt. Bin ich die einzige, die nach spätestens zwei Monaten regelmässig in der eigenen Wohnung erschrickt, weil der Dispenser klappernd zu Boden fällt? Und sich fragt, wieso der Kleber nichts für seine Daseinsberechtigung tut? Und das Ding dann trotzdem und wider besseren Wissens erneut auf den Kleber drückt und hofft, dass es diesmal hält? Was es natürlich nicht tut, ist ja klar.
Und das beschränkt sich leider nicht nur auf Brise. Wieso werden heute in Gebrauchsgüter wie Drucker, Mobiltelefone und alles, was ein paar Jahre halten sollte, Verfallsdaten eingebaut? Und wieso bekomme ich trotzdem eine Garantie für 24 Monate auf mein neues Sony Ericsson, wenn es doch nach spätestes anderthalb Jahren eine eigene Persönlichkeit entwickelt und sich trotzig wehrt, wenn ich telefonieren oder eine SMS verschicken will? Sicher hat jeder von euch in einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn schonmal ein Natel zur Reparatur einschicken lassen. Die meisten entscheiden sich jedoch beim zweiten Mal dagegen, weil es günstiger und vor allem nervenfreundlicher ist, sich ein neues Telefon zu kaufen, als monatelang verlorenen Telefonnummern, Infos und Fotos nachzurennen, die bei der Reparatur vom Telefon gelöscht wurden.
Wenn ich mich mit etwas angefreundet und das käuflich erworben habe, dann möchte ich das doch nicht gleich wieder loswerden … Oder Möbel, was ist heute mit den Möbeln los? Einmal für einen Umzug auseinandergeschraubt, ist das Regal beim Einzug todsicher verzogen, hat Kratzer oder Beulen drin und klappert noch, nachdem die Schrauben soweit reingedreht wurden, dass sie schon fast wieder auf der anderen Seite herauskommen. Und sagt mir jetzt bloss nicht, dass ich bestimmt von Ikea-Möbeln spreche – nein, auch teurere Möbel kränkeln genauso schnell. Dabei verlange ich ja nicht einmal Massivholzmöbel, bei denen man Angst haben muss, dass die Statik nicht mitmacht und das Bücherregal mitsamt Inhalt beim Nachbarn unten im Schlafzimmer landet …
Da lob ich mir meinen Dad. Ja, ich habe einen Dad, der noch gelernt hat, mit Werkzeug umzugehen und der sogar eigenhändig ein Haus bauen könnte, wenn er das wollte. Er liebt es, zu schreinern, zu planen, mit seinen Händen zu schaffen. Und das nicht einfach mal so schnellschnell-Pi-mal-Handgelenk – nee Leute, wenn was gemacht wird, dann richtig. So ein Möbel made by Dad übersteht mindestens noch den nächsten Atomkrieg! Da werden noch richtige Holzplatten verarbeitet, komplett mit Dübeln, Schrauben, Nut und Feder und Nägeln – das volle Programm eben. Die Rückwand eines Regals wird nicht einfach mit sechs Nägeln befestigt nach dem Motto der Superheimwerker aus dem Fernsehen: “Das passt schon, Hauptsache man sieht von vorne nicht die Wand. Und wenn da ein Nagel fehlt, ist das nicht so tragisch, wir stellens ja an die Wand, das hält bestimmt.” Nein, in so eine Rückwand gehört alle 10-20 cm ein Nagel, das verleiht Stabilität und übersteht auch ein Erdbeben. Und wenn die Hütte zu Staub zerfällt; das Regal steht aufrecht wie die Frisur aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung, wo das Model von einer Flugzeugturbine angefönt wird.
Ein Regal von meinem Vater besteht zu 85% aus vernünftigen, stabilen Holzplatten, auf die er als Privatkunde wohl mittlerweile schon denselben Rabatt erhält wie der Dorfschreiner zum 50-Jahr-Jubiläum, sowie zu 15% aus Schrauben, die das Ganze so fest zusammenhalten, dass es wohl auch beim Umzug von der Hebebühne vier Stockwerke in die Tiefe stürzen könnte, ohne dass es auch nur einen Millimeter verzogen wäre. Aber das ist auch gut so – wo kämen wir denn da hin, wenn der Kleiderschrank beim Öffnen der Türe in sich zusammenklappen würde wie ein Kartenhaus?
So etwas würde die Ehre meines Vaters natürlich nicht zulassen, deshalb lieber eine Schraube mehr reindrehen. Natürlich geht dies alles höchst professionell vonstatten, mit einem Werkraum voll Werkzeuge, die alle in selbst gemachten Regalen, Schubladen und Schränken untergebracht sind. Und wenn eine Maschine zu teuer ist, wird eben im Internet recherchiert und selbst gebastelt – wieso auch nicht? Bei Frankenstein hats ja auch funktioniert.
Natürlich kann auch einem Profi einmal ein Missgeschick passieren. Jahrzehntelange Erfahrung können schonmal bewirken, dass man die Deckung etwas vernachlässigt. Aber das steckt so ein Dad locker weg, er ist ja keine Heulsuse. Ein cooler Spruch und die Sache ist erledigt. Wie früher, als wir noch Kinder waren: Wenn da jemand seinen ganzen nackten Arm in einen Brennnesselstrauch gesteckt hat, lächelte man einfach und sagte: “Hat nicht weh getan, hab ich extra gemacht.” Die abertausende von Pusteln und Blasen, die sich gleich darauf bildeten, ignorierte man so lange, bis man behaupten konnte, etwas zu Hause vergessen zu haben und seine Mom um ein halbes Kilo Salbe bitten konnte.
Und so hat auch mein Dad nicht mit der Wimper gezuckt, als er mein Kinderzimmer renoviert hat und sich beim Aussägen einer Aussparung aus einem Vierkantholz (“Dad, willst du das nicht lieber in den Schraubstock spannen?” – “Nein, das geht so schneller, kein Problem.”) mit der Sägeblattschraube der Stichsäge kurz mal zwei oder drei Millimeter Haut vom Daumen schabte. Bei so viel fehlender Haut und so gut durchblutetem Gewebe könnt ihr euch vorstellen, wie schnell das Blut zu tropfen begann. Ich gleich geistesgegenwärtig: “Halt den Daumen übers Spülbecken!”, aber er sah mich nur an, schüttelte den Daumen ein paarmal, um das Blut loszuwerden und meinte dann ganz gelassen: “Ich seh gar nichts, ist wohl nicht so schlimm.” Was sagt man zu jemandem, der sogar Rambo noch das Weinen lehren könnte? Nicht viel, ausser: “Dad, jetzt geh ins Bad und halt deinen Daumen über die Spüle, du verteilst dein Blut im ganzen Zimmer! Und dieser Hautfetzen, der da von deinem Daumen absteht, sieht nicht aus als würde ein Pflaster ausreichen.” Irgendwann hat er dann doch noch auf mich gehört und nachdem der Daumen gesäubert und eingebunden war, haben wir uns mein Zimmer angesehen: Er hatte das Blut auf den Boden, die Decke, drei Wände und die geöffnete Zimmertür verteilt. Noch Monate später habe ich Blutstropfen an Türrahmen und Wänden gefunden, die wir beim Putzen übersehen hatten. Gil Grissom hätte seine Freude daran gehabt. Aber da der nicht da war, machten wir weiter mit Renovieren, ich mit zehn Fingern, er mit neun, der dick eingebundene Daumen hatte Pause.
Aber das nur so nebenbei – ich will doch nur wissen, wieso nichts länger funktioniert als ein-paarmal-benutzen, wieso die Welt auseinanderfällt … Wenn das so weiter geht, stehen wir bald da wie die Leute aus dem Imagespot der deutschen Handwerker: nackt, mit langen Bärten (zumindest eine Hälfte der Bevölkerung), ohne Staubsauger, Feuer oder Gartenhütte. Tatsächlich stehen nur noch mein Dad und ein paar weitere tapfere Kämpferinnen und Kämpfer für Qualität zwischen unserem heutigen Lebensstandard und der Welt als eingefallener Bretterbude, nachdem der Wolf gepustet hat.
Aber noch habe ich ja meine Geheimwaffe Dad, der wird mir beim nächsten Besuch den Brise-pffft an die Wand schrauben, damit er sich nicht mehr bewegen kann – ich kauf doch nicht alle zwei Monate einen neuen!